Der Titel der Kampagne macht deutlich, was viel zu häufig passiert ist und noch immer geschieht: Gewalt gegen Kinder wurde und wird leider sehr häufig mit dem Deckmäntelchen des Schweigens verhüllt. Damit dies möglichst bald ein Ende hat, haben Bundesfamilienministerin Lisa Paus und die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, in Berlin eine Aufklärungs- und Aktivierungskampagne gestartet. „Schieb den Gedanken nicht weg!“ lautet deren Titel und dieser ist zugleich eine eindringliche Aufforderung an unsere Gesellschaft, hinzuhören und hinzusehen. Denn Kinder und Jugendliche sind vor allem im eigenen Umfeld der Gefahr sexueller Gewalt ausgesetzt.

„Nur wenn ich den Gedanken zulasse, dass auch Kindern in meinem persönlichen Umfeld sexuelle Gewalt angetan wird, kann ich notfalls handeln“, sagte Paus zum Start der Kampagne. Ihre Forderung: „Wir alle müssen uns bewusst machen, dass Missbrauch nicht nur in Institutionen, sondern in den meisten Fällen im vertrauten Umfeld der Kinder vorkommt.“ Das sieht Kerstin Claus ähnlich: „Die Vorstellung, dass sexuelle Gewalt woanders stattfindet, dient der eigenen Beruhigung – kann aber blind machen für möglichen Missbrauch im eigenen Umfeld. Wenn wir unsere Kinder besser schützen wollen, dürfen wir diese mögliche Realität nicht länger wegschieben. Erst wenn wir diesen Gedanken zulassen, fangen wir an, unsere eigene Hilflosigkeit zu überwinden. Und das ist der erste, wichtige Schritt.“

Die Plakate und Slogans der Kampagne rütteln mit ihren teils irritierenden Aussagen an gewohnten Denkmustern. Zwei Beispiele: „Geh nicht mit Fremden mit! – Und wenn es gar kein Fremder ist?“ oder „Mach niemandem die Tür auf! – Und wenn die Gefahr schon drinnen ist?“ Mit diesen Aussagen sieht der Betroffenenrat ein weit verbreitetes Phänomen auf den Punkt gebracht: „Diese Kampagne soll Mut machen und dazu auffordern, selbst Verantwortung zu übernehmen und Teil einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit zu werden“. Es gelte immer da zu handeln, wo Kinder und Jugendliche sexualisierte Gewalt erleben oder Betroffene sexualisierte Gewalterfahrungen in der Familie oder anderen Tatzusammenhängen offenlegen. „Sexualisierte Gewalt in der Familie ist keine Privatangelegenheit, sondern Unrecht“, schreibt der Betroffenenrat. Dieses oft fehlende Unrechtsbewusstsein führe in großen Teilen der Gesellschaft zum Schweigen über den Tatort Familie. „Jedoch hat das Umfeld die Verantwortung und vor allem die Möglichkeit, zu helfen und den Betroffenen zur Seite zu stehen.“

„Schieb den Gedanken nicht weg!“ ist als mehrjährige Kampagne konzipiert und will vor allem lokale Netzwerke und kommunale Initiativen unterstützen.  Eine zentrale Schaltstelle und Informationsquelle ist das „Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch“. Dort gibt es einen Link zum bundesweiten Hilfe-Telefon mit der Rufnummer 0800 – 22 55 530, können aber auch Angebote vor Ort gesucht oder eine Online-Beratung in die Wege geleitet werden.

Auf dem Hilfe-Portal gib es zudem eine ganze Reihe von Interviews, die sowohl Betroffenen, aber auch Helfenden eine Stütze sind. Da berichten Mitglieder des Betroffenenbeirats, wie sie den sexuellen Missbrauch erlebt und welche Hilfe sie erfahren haben. Die Interviews beispielsweise auch mit einer Rechtsanwältin oder einer Sozialarbeiterin können auf der Seite gelesen, aber auch gehört werden.

Dass die Kampagne aufgeht, zeigen zwei Beispiele aus Frankfurt. Dort hat der Kinderschutzbund mit zwei Veranstaltungen das Thema aufgegriffen – mit einer Information für Eltern unter dem Titel „Gewalt ist mehr als du denkst“ und einem Fachtag zur psychischen Gewalt. Gerade dieser Aspekt war Stadträtin Sylvia Weber ein Anliegen: „Psychische Gewalt hat viele Gesichter“, sagte sie zum Auftakt der Kampagne, deren Schirmherrin sie für Frankfurt ist. Während Formen körperlicher und sexualisierter Gewalt im Kinderschutz inzwischen weitgehend anerkannt seien, sei das bei psychischer Gewalt nicht im gleichen Maß der Fall: „Ob wiederholte Kränkungen, Demütigungen oder emotionale Erpressungen – in ihrer mitunter beiläufigen Art wird psychische Gewalt in vielen Fällen gar nicht als solche wahrgenommen oder bagatellisiert.“ Doch sie sei alles andere als harmlos: „Das Bürgerliche Gesetzbuch sagt deutlich, dass auch seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen unzulässig und damit verboten sind“, sagte Weber. Diese sieht Stefan Schäfer, Geschäftsführer des Frankfurter Kinderschutzbundes, ähnlich: „Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass nicht nur körperliche Gewalt Schaden anrichtet.“

kakü